Hollywood-Star Kevin Spacey: Erfolg verpflichtet

15. März 2002

Es gibt nur wenige Hollywoodstars, die einem das Gefühl vermitteln, einer von uns zu sein. Kevin Spacey ist dies erstmals in dem Film "American Beauty" gelungen. Für die Rolle eines spießigen Familienvaters, der sein Leben auf den Kopf stellt, gewann er den Oscar. Seitdem ist der 42-Jährige auf tragische Figuren abonniert.

Nach "Das Glücksprinzip" erleben wir ihn demnächst in "Schiffsmeldungen" erneut als Außenseiter, der über sich hinaus wachsen muss. Der Film von Lasse Hallström, der bei den Berliner Filmfestspielen im Wettbewerb lief, kommt am 28. März in die Kinos.

Mr. Spacey, haben Sie seit Ihrem Erfolg mit "American Beauty" nicht das Gefühl, immer wieder ähnliche Charaktere zu spielen?

Nein, ich sehe große Unterschiede zwischen Lester Burnham aus "American Beauty" und Quoyle aus "Schiffsmeldungen". Lester ist ironisch, lebhaft und weiß genau, was er macht. Aber es gibt auf unserer Welt auch Menschen wie Quoyle, die sich in ihrer Haut nicht wohl fühlen und von anderen kaum bemerkt oder sogar ausgenutzt werden.

Im Roman "Schiffsmeldungen" wird Quoyle als dicker Mann mit einem entstellten Gesicht beschrieben...

Darüber habe ich mit Lasse Hallström lange diskutiert. Aber es ist oft unmöglich, einen Schauspieler zu finden, der einer Romanfigur vom Aussehen her ähnelt. Im Buch wiegt Quoyle 150 Kilo, hat ziemlich haarige Arme und ein viel zu großes Kinn. Wir befürchteten, dass der Zuschauer nur noch aufs Kinn achten würde, wenn man mir eine Maske aufgesetzt hätte. Wenn es nur nach dem Aussehen gegangen wäre, hätte Late-Night-Talker Jay Leno die Rolle bekommen müssen.

Können Sie sich mit Quoyle identifizieren?

Absolut! Bevor ich Schauspieler wurde, war ich Quoyle ähnlicher, als man sich das heute vorstellen kann. In einer solchen Phase weiß man nicht, ob man
überhaupt noch eine Daseinsberechtigung auf dieser Erde hat. Dieses Gefühl kenne ich zu gut.

Hat Ihnen die Schauspielerei dabei geholfen, selbstbewusster zu werden?

Ich habe zwar schon viele Figuren gespielt, die vor Selbstbewusstsein nur so strotzen, aber ich selbst hatte es nicht immer leicht. Ich wurde erwachsen und hatte keinen blassen Schimmer, was ich mit meinem Leben überhaupt anfangen sollte. Erst als ich mich entschloss, Schauspieler zu werden, fand ich etwas, was mich wirklich ausfüllte.

International bekannt geworden sind Sie allerdings mit Schurkenrollen in "Die üblichen Verdächtigen" und "Sieben"...

Das waren Rollen, die mir wirklich Spaß bereitet haben. Danach hatte ich allerdings das Problem, in immer dieselbe Schublade gepackt zu werden. Plötzlich sollte ich weiterhin den Bösewicht spielen. Darauf hatte ich nicht die geringste Lust. Also tat ich alles, um an eine völlig andere Rolle zu kommen. Wer hätte nach "Sieben" schon geglaubt, dass ich eine so gefühlvolle Rolle wie in "American Beauty" spielen könnte.

Inwieweit hat sich Ihr Leben nach dem Erfolg von "American Beauty" verändert?

Man darf nicht vergessen, wie man zu diesem Erfolg gekommen ist. Meine Familie und meine Freunde
standen wirklich hinter mir und haben jederzeit an mich geglaubt und mich unterstützt. Deshalb hat sich mein Leben hoffentlich nicht verändert. Zumindest empfinde ich es so, noch der Gleiche zu sein wie vor 20 Jahren. Wenn man nur um der Auszeichnung willen Schauspieler wird, hat man den Beruf verfehlt. Ich nutze meinen Erfolg, um jungen Filmemachern zu helfen. Glauben Sie mir, es ist ein großartiges Gefühl, mitzuerleben, wie deren Träume Wirklichkeit werden.

Lebt man als Hollywoodstar eigentlich in ständiger Angst, seine Position wieder zu verlieren?

Es gibt sicherlich viele, die sich davor fürchten. Eine Karriere verläuft nie geradlinig. Manchmal ist man oben, manchmal unten. Ich habe meine nie geplant, sondern habe mich diesem Beruf einfach voll und ganz verschrieben. Mir kommt es nicht auf kurzfristige Erfolge an. Mir geht es darum, meine Visionen zu verfolgen.

Als Sie für "American Beauty" den Oscar bekamen, bedankten Sie sich bei Jack Lemmon, der im vergangenen Jahr starb. Welche Beziehung hatten Sie zu ihm?

Für mich war er einer der besten Schauspieler, die es gab. Aber für mich zählt auch, dass er einer der freundlichsten und charmantesten Menschen war,
die Hollywood hervorgebracht hat. Wenn Jack sein Wort gegeben hatte, hielt er es auch. Er sagte mir, wenn man im Filmgeschäft oben angekommen ist und das Glück hat, dort zu bleiben, stände man in der Verantwortung, den Fahrstuhl wieder nach unten zu schicken. Das tat er für mich, und deshalb war er für mich wie ein Vater.

Nun sind Sie es also, der mit seiner Produktionsfirma neuen Talenten eine Chance geben will. Wie sind Sie auf einen Regisseur gekommen, der einen Dokumentarfilm über einen alten Mann drehen wollte, der mit seiner Elektro-Orgel durch die Altersheime tingelt? Ein mutiges Projekt...

Als mir Regisseur Matthew Ginsburg die ersten 25 Minuten seines Films zeigte, war ich total hingerissen. Ich finde es ganz wichtig, dass wir unsere älteren Mitbürger respektieren und sie nicht zur Seite schieben. Als 11-Jähriger besuchte ich mal ein Altersheim, in dem jeder aufgenommen wird, der mindestens 20
Jahre im Filmgeschäft war; egal, ob Schauspieler, Regisseure oder Bühnenarbeiter.

Das hat mich sehr geprägt. Mir wurde bewusst, dass sie uns jungen Menschen den Weg geebnet haben. Noch heute singe ich jedes Jahr Weihnachtslieder für die Heimbewohner. Aber in unserer Gesellschaft werden die Alten einfach abgeschoben, bis sie sterben. Das Thema Tod scheint Tabu zu sein, weil wir uns so sehr davor fürchten.

Und Sie selbst? Fürchten Sie sich vor Ihrem eigenen Tod oder beruhigt sie das Gefühl, durch Ihre Filme eine gewisse Unsterblichkeit zu erreichen?

Es fällt mir vielleicht leichter als anderen, mich mit solchen Themen auseinanderzusetzen, aber sicher nicht durch die Aussicht, dass die Menschen sich die Filme auch noch nach meinem Ableben ansehen werden, sondern weil ich den Kontakt zu alten Menschen pflege. Viele von ihnen gehören zu meinen besten Freunden, die mich mit Rat und Tat immer unterstützt haben. Man muss im Leben Verantwortung übernehmen, dann braucht man sich vor dem Tod auch nicht fürchten.

Das Gespräch führte Markus Tschiedert

Text: @tsch
Bildmaterial: faz.net, dpa

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