«Man steht nackt da und wird ausgelacht» (Quelle:www.sonntagszeitung.ch)

Kevin Spacey über seine Rolle in «American Beauty»

SonntagsZeitung: Kevin Spacey, die Figur, die Sie spielen, steckt in einer Midlife-Krise. Wie geht es Ihnen mit 40 Jahren?

Kevin Spacey: Oh danke, gut. Ausserdem glaube ich nicht, dass meine Filmfigur in einer Krise steckt. Ihr geht es vielmehr um eine radikale Umschichtung aller Werte, eine Art Wiedergeburt. Das kann ich nachvollziehen, denn bezüglich meiner Rollenwahl habe ich tatsächlich versucht, die Gewichte zu verschieben.

Keine Bösewichte mehr?

Spacey: Richtig. Ich bin mit düsteren Rollen in Filmen wie «Seven» und «The Usual Suspects» bekannt geworden. Auf der Bühne habe ich vorher jahrelang alles Mögliche gespielt. Aber daran schien sich niemand mehr zu erinnern.

Viele finden Bösewichte doch sowieso dankbarer.

Spacey: Klar. Aber ich will nicht für alle Zeiten darauf festgenagelt sein. Produzenten pflegen mir zu sagen: «Oh, du bist wunderbar böse gewesen in diesem Film, komm, sei jetzt ebenso böse in meinem Film.» Das ist langweilig. Auch wenn es tatsächlich Spass macht, so richtig gemein zu sein.

Einige Leute haben geschrieben, Sie seien auch privat nicht gerade ein Liebkind.

Spacey: Das passt ins Bild, das sich die Medien von mir gemacht haben. Aus mir wurde ein mysteriöser Mensch im Stil von: Stell-mir-keine-persönliche-Frage-sonst-gibts-Schwierigkeiten.

Wie konnte das geschehen?

Spacey: Weil ich eine einzige Frage nicht beantwortet habe, und zwar, ob ich schwul sei oder nicht. Ich habe nicht geantwortet, weil mich die Frage beleidigte, und ich dachte, dass das niemanden etwas angeht und auch keine Rolle spielt. Hätte ich allerdings gewusst, dass die Person, die mir die Frage gestellt hat, darüber einen neunseitigen Artikel schreibt, hätte ich sofort «Nein» gesagt.

Haben Sie Klage eingereicht?

Spacey: Das war mir zu umständlich. Ich habe die Frage aber nach Erscheinen des Artikels erst recht nicht beantwortet, ein «Nein» hätte jetzt nach Selbstverteidigung ausgesehen. Dadurch ist die Sache noch mehr aufgebauscht worden, ich bin dagestanden und habe mich gefragt: Was geht da ab? Rückblickend war es ein spannendes Stück Fiktion.

Ihre Konsequenzen?

Spacey: Noch härter auf einen Imagewechsel hinarbeiten. Diese Hauptrolle in «American Beauty», die mir Sam Mendes angeboten hat, ist diesbezüglich eine Offenbarung.

Eine einfache Rolle ist es aber nicht. In einer Ihrer ersten Szenen stehen Sie in der Dusche und masturbieren.

Spacey: Ich denke, Masturbation ist eine normale und gesunde Aktivität, damit hatte ich keine Mühe. Aber solche Momente sind äusserst delikat, man weiss nie, wie das Publikum reagieren wird. Und dann steht man als Schauspieler nackt da und wird ausgelacht …

Das Gegenteil ist der Fall.

Spacey: Jetzt weiss ich es, aber beim Drehen nicht. Als Schauspieler tut man immer private Dinge in der Öffentlichkeit. Aber diese Szene ist auf ihre Weise so erniedrigend und eben doch so wahr, dass das Publikum genau hier auf den Film aufspringt und sich sagt: Wau, das ist ja erst der Anfang, da will ich mit und wissen, wie es ausgeht.

Matthias Lerf

 

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