Ein unterhaltsam gescheiterter Traum

"Beyond the Sea" - Kevin Spacey als der Mann, der größer werden wollte als Frank Sinatra     (von Matthias Heine)

Den jüngsten Filmbiographien über US-Musiklegenden hat das Publikum hierzulande die kalte Schulter gezeigt, ganz egal, ob es um Cole Porter ("De-Lovely") oder um Ray Charles ("Ray") ging. Der fundamentale Unterschied ist wohl der, daß Porter und Davis in Amerika völlig zu Recht als Teil des nationalen Kulturguts angesehen werden.

Wie schwer wird es da erst ein Film haben, der einem Mann huldigt, dessen Bedeutung auch in Amerika nicht jedem offensichtlich ist. "Beyond the Sea" mit Kevin Spacey als Regisseur und Hauptdarsteller handelt vom Leben des Sängers und Bandleaders Bobby Darin, der größer als Sinatra werden wollte, aber das Pech hatte, für eine Swingkarriere einfach ein bißchen zu spät dran zu sein. Kaum hatte er um 1960 seine großen Erfolge, veränderte die Rockrevolution die Musikwelt. Und dummerweise wurde Darin nicht alt genug, um einfach in Las Vegas abzuwarten, bis seinesgleichen vielleicht draußen wieder gefragt sein würde. Erst vor eineinhalb Jahren hat Robbie Williams Darin wieder ins Bewußtsein breiterer Volksschichten gehoben, als er für "Findet Nemo" eine Coverversion von Darins "Beyond the Sea" sang - einer englischen Fassung von Charles Trenets "La Mer".

Es steckt noch mehr tragischer Filmstoff in der Biographie des Italoamerikaners, der eigentlich Robert Louis Cassato hieß: Mit zehn prophezeiten ihm die Ärzte, daß er höchstens noch fünf Jahre zu leben hätte. Später gestand ihm seine vermeintlich sechzehn Jahre ältere Schwester, daß sie in Wahrheit seine Mutter sei. Trotzdem hat die "New York Times" den Film "lachhaft" genannt und ihn wie "Alexander" oder "Eyes Wide Shut" zu den Projekten gezählt, mit denen Regisseure ihre Träume verwirklichen - und die dann zu Alpträumen für den Zuschauer werden. Das ist ungerecht. "Beyond the Sea" ist zwar kein wirklich guter Film. Aber er ist auf eine höchst unterhaltsame Weise gescheitert. Inmitten von großartigen Nebenleuten wie John Goodman und Bob Hoskins spielt Spacey mit prachtvollem Temperament, mit Witz und Selbstironie. Er singt ganz überraschend gut.

Und in den besten Momenten ist er weit weg von jenem plumpen Realismus, der "Ray" so unerträglich macht, sondern er verwirklicht seinen Traum auf die einzig denkbare Weise - als Traum. Schon in der ersten Szene wundert sich der Zuschauer: Darin/Spacey eilt hinter den Kulissen eines Nachtclubs auf die Bühne, der Ansager kündigt den Auftritt zur Feier seines "zehnjährigen Showgeschäftjubiläums" an. Doch einer in Darins Begleitung telefoniert mit einem Handy und der Darsteller ist sichtbar nicht nur älter, als Darin es bei jener Jubiläumsfeier sein konnte, sondern älter als der Sänger je wurde - er starb schon mit 37. Dann entpuppt sich das ganze als Dreh für einen Darin-Film-im-Film. Im Gespräch mit dem Jungen, der Darin als Kind spielt, verkündet Darin/Spacey das Motto von "Beyond the Sea": Wahr ist, woran du dich erinnern willst. Nachdem diese Verabredung einmal getroffen worden ist, kann auf den Straßen der Kindheit in Brooklyn ebenso selbstverständlich nach einer Musicalchoreographie getanzt und gesungen werden wie in Italien - es ist, als wäre man wieder in der Epoche von "Guys and Dolls".

Leider gibt es auch allzu viele Szenen, in denen sich "Beyond the Sea" dem giftigen Nebel des melodramatischen Realismus wieder gefährlich nähert. Aber selbst solche Momente sind noch auf jene genußreich überambitionierte Weise gescheitert, für die Susan Sontag einst den Begriff "Camp" prägte.

Artikel erschienen am Mo, 14. Februar 2005

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