|
Nie mehr Popcorn! (Quelle: Süddeutsche Zeitung)
Die Sache mit der Dusche: Kevin Spacey über „American Beauty“
SZ: Eine außergewöhnliche Rolle, dieser Lester Burnham, den Sie da spielen. Außergewöhnlich auch, was Ihre bisherige Karriere anbelangt.
Kevin Spacey: Das stimmt. Als schusseligen Verlierer hatte man mich bisher nicht besetzt...
SZ:Aber ist er das?
Kevin Spacey: Jetzt verraten Sie nicht alles. Man wird ihn anfangs so einschätzen. Der Anfang ist wichtig. Aber es hat mich zwei Jahre harte Arbeit gekostet, an diesen Punkt zu gelangen. Ich habe mich in den letzten 24 Monaten mit zwei Rollen auf der Bühne und drei Filmen endlich aus der Ecke jener teuflisch-infizierten Genies herausmanövriert, die dem Kinopublikum immer 10 Schritte voraus sind und die man mir weiterhin zuschustern wollte. Das Rollenspektrum wird sich nach „American Beauty“ erheblich erweitern. Sie ahnen gar nicht, wie befreiend das ist.
SZ: Das werden Sie auch Sam Mendes zu verdanken haben, Ihrem Regisseur. Sie kannten sich schon von der Bühne her?
Kevin Spacey: Ich hatte zwar nie mit ihm persönlich zusammengearbeitet, aber man kam um seine Produktionen nicht herum. Ich habe gerade in einem Londoner Theater „The Iceman Cometh“ gespielt. Natürlich hatte ich in London Sams „Blue Room“ mit Nicole Kidman gesehen, auch die „Cabaret“-Inszenierung, die großen Erfolge also, die man mit seinem Namen verbindet. Mir persönlich imponierte allerdings seine Produktion von „The Front Page“ noch mehr. Ein schwieriges Stück, das ihm einfach hervorragend gelang. Ich wusste außerdem, dass er während all dieser Jahre immer wieder Filmangebote bekam. Er lehnte ab, nichts war ihm gut genug. Irgendwann wurde mir dann - in seinem Namen - „American Beauty“ zugesandt. Und ich fing schon deshalb sofort an zu lesen, weil ich wissen wollte, welcher Stoff ihn nach all den Jahren schließlich gepackt hatte. Ich verstand Sams Entscheidung sofort. „American Beauty“ konzentriert sich auf zwei Familien, Nachbarn in einer keimfreien, drogenfreien amerikanischen Vorstadt...
SZ: ... in der der Schein trügt.
Kevin Spacey: „Look closer“ — das war unser Motto. Sie finden es auch auf der Pinwand vor meinem Büroschreibtisch im Film. Die Weise, in der unsere Geschichte erzählt wird, lässt die einzelnen Figuren näher kommen. Man taucht in eine heile Norman-Rockwell-Welt und bemerkt kurz darauf, dass nichts mehr stimmt. Dass unterhalb der Oberfläche alles verrottet ist. Das erinnert an Abendnachrichten, wo uns von sinnlosen Tragödien berichtet wird. Man sitzt da und fragt sich: „Wie konnte das geschehen? Wie war das möglich?“ Und der Film sagt: „Es konnte geschehen, es musste geschehen: weil du deine Frau nicht kennst, du deine Kinder nicht kennst, deinen Nachbarn falsch einschätzt, deinem Chef vertraut hast...“
SZ: „American Beauty“ beginnt mit Lester Burnhams Stimme.
Kevin Spacey: Und als Erzähler des Films greife ich sofort chirurgisch ein: Ich schneide durchs Gewohnte, die scheinbar heile Alltagshaut. Wenn der Zuschauer in den ersten Sekunden feststellt, dass ich als Toter zu ihm spreche sind wir gewissermaßen beim Thema: No more Popcorn.“ Ein seltsamer Zauber fällt über die ersten Szenen. Man will lachen — und spürt doch, wie ernst das alles ist.
SZ: Man identifiziert sich mit Ihnen mit Ihnen – mit einem toten Verlierer. Schon nach den ersten Minuten. Wie schafft der Film das, Ihrer Meinung nach?
Kevin Spacey: Sam sagte mir, dass es schon in den Test~Screenings ähnlich positive Reaktionen gab. Als ich den Film zum ersten Mal mit einem Publikum sah, wurde mir klar, warum. Ich glaube, die Szene ganz am Anfang ist da entscheidend: Ich stehe frühmorgens hinter dampfbeschlagenem Glas unter der Dusche und onaniere. Meine Stimme versichert dabei, dies sei schon der Höhepunkt des Tages und dass es von da an nur noch bergab gehen könne. Es ist ein vollkommen lächerlicher, entlarvender Moment. Ich meine: wenn einer das gleich auspackt, ist er von Anfang an völlig wehrlos. Und das Publikum geht mit. Ich glaube, es sympathisiert mit Lesters freiwilliger Wehrlosigkeit. Lester Burnham hat sich völlig ausgeliefert. Und das Publikum nimmt ihn gnädig auf. Es fühlt: Du bist letztlich so verletzbar wie wir.
SZ: In einer der frühen Drehbuchfassungen von „American Beauty“ hatte die Story noch ein Gerichtsdrama als Rahmengeschichte. Dadurch, dass er das weggelassen hat, nimmt er der Gesichte auch die Verankerung in der Konvention, es wird über niemanden mehr gerichtet. Solche Entscheidungen zeugen wirklich von Mut und müssen Ihnen doch auch als Regisseur zugesagt haben.
Kevin Spacey: Und ob. Was mir in dieser Hinsicht am meisten Eindruck machte, war, dass uns Sam - wie es eben nur Theaterregisseure können - in zweiwöchigen Proben als Team zusammengeschweißt hat. Es gab keine große Rolle mehr. Das gibt es ja manchmal in Filmen: Jemand spielt großartig - aber völlig an allen anderen vorbei, als ob er in einem anderen Film agiert. Wunderbar, aber einsam, und mit verheerenden Konsequenzen für die Geschichte, die der Film erzählen will.
SZ: Nach den ersten drei Drehtagen soll Mendes allerdings abgebrochen haben - die ersten Muster sollen ihm nicht gefallen haben. Stimmt das?
Kevin Spacey: Ihm gefiel überhaupt nichts. Weder die Muster, noch die Szenerie, noch die eigene Regie, die schauspielerischen Leistungen, die Kameraeinstellungen. Und er gab sich selbst die Schuld. Er ging zu Dream Works und erklärte, wie er es besser machen könnte. Und man ließ ihn noch mal von vorne anfangen. Ich weiß nicht, ob ich den Mut gehabt hätte...
SZ: Verliert man da als Schauspieler nicht sein Vertrauen in den Regisseur?
Kevin Spacey: Sam hätte uns jederzeit was vorlügen können: „Das Licht passt mir nicht, das Filmwerk hat den Film versaut“, oder so ähnlich. Aber er war stattdessen völlig offen zu uns, und wir wurden seine Komplizen. Auch Conrad Hall, sein Kameramann, der alte Meister, war völlig auf seiner Seite. Das half. Gottseidank konnte Sam sich mit seinen Argumenten beim Studio durchsetzen.
SZ: Das müsste dann aber auch Spielbergs Studio Dream Works zugute gehalten werden, oder?
Kevin Spacey: Ich glaube, Dream Works ist dabei, für Filmemacher so bedeutend zu werden wie einst die United Artists. Natürlich werden sie auch weiterhin fürs Boxoffice produzieren. Aber sie sind um so risikobereiter, wenn es um solche Produktionen geht. Offensichtlich fällt man bei Dream Works dem Filmemacher nicht in den Rücken - das ist fast schon unerhört. Man hätte Sam jederzeit das Ruder aus der Hand nehmen können. Aber man hat uns unterstützt. Dream Works wurde anfangs kritisiert, einen englischen Regisseur für diesen angeblich so amerikanischen Film engagiert zu haben. Aber Spielberg weiß, dass viele der besten amerikanischen Filme von Ausländern inszeniert wurden - denken Sie nur an „Chinatown“ oder „Midnight Cowboy“.
Interview: Patrick Roth
|