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Geschlossene Gesellschaft (Quelle: Süddeutsche Zeitung)
Kevin Spacey hat im vergangenen Jahr die Leitung des Londoner Old Vic-Theaters bernommen. Jetzt trat er dort zum ersten Mal selbst auf: Ein Triumph.
Er wusste sehr wohl, was er sich mit seinen drei Jobs als Theaterdirektor, Theaterschauspieler und Filmstar aufhalste. Kevin Spacey ließ sich trotzdem nicht abschrecken von all den Skeptikern, die partout nicht verstanden, warum ein zweifach oscarprämierter Hollywood-Star die künstlerische Leitung eines von der Schließung bedrohten Theaters wie des Londoner Old Vic übernehmen sollte. Er zeigte sich auch wenig erschttert von den unverdient schlechten Kritiken, die ihm seine erste hiesige Regiearbeit Cloaca" in den englischen Zeitungen einbrachte.
Vielleicht war dieser Gleichmut Fassade, Spacey ist ein Medienprofi. Vielleicht war es aber auch die Gewissheit, letzten Endes immer auf seine Gabe als Darsteller vertrauen zu können, die ihn unbeirrt auf das Ereignis hinarbeiten ließ, auf das die Londoner Theaterszene schon die ganze Saison wartet: Kevin Spacey trat zum ersten Mal selbst auf der Bühne seines Theaters auf.
Bevor man ihn jedoch leibhaftig zu sehen bekommt, sieht man eine riesige amerikanische Flagge, die anstelle des Vorhangs die Bühne des Old Vic verhüllt. Zu allem Überfluss heißt das Stck, das heute Abend gespielt wird “National Anthems", Nationalhymnen, alle drei Darsteller sind Amerikaner. Das alles scheint auf eine Auseinandersetzung mit der derzeitigen amerikanischen Außenpolitik hinauszulaufen, aber dieser Assoziationsreflex führt in die Irre. Um was es wirklich geht in Dennis Mclntyres Drama, das sind die achtziger Jahre oder vielmehr jener materialistische Aspekt der amerikanischen Befindlichkeit, die in den Achtziger Jahren am unverschämtesten zutage trat.
Die Flagge senkt sich und gibt den Blick frei auf Suburbia im Querschnitt: Cremefarbene Sofas, beige Wände, ein Designertraum aus Glas und Seide und künstlichen Blumengestecken. Die Bewohner des schicken Detroiter Vorstadthauses, Arthur und Leslie Reed, haben gerade eine House-Warming-Party gefeiert. Jetzt wischt sie rasch durch und lernt nebenher mit ihrem Walkman Japanisch, während er ein Computerspiel auf seiner Digitaluhr spielt. In das Yuppie-Idyll platzt spätabends Ben, ein Nachbar mit schlecht sitzendem grauen Tweed-Blazer und unvorteilhaftem Schnauzbart: Er habe noch Musik gehört und wolle sich vorstellen, sagt er, das sei ja eine tolle Stereoanlage und der Wagen vor der Tür, auch toll, überhaupt das ganze Haus und die Einrichtung!
Kevin Spacey hat diesen linkischen Dampfplauderer Ben Cook 1988 schon einmal gespielt. Damals, bei der amerikanischen Uraufführung von National Anthems" in New Haven, war er weithin unbekannt, die Zweitbesetzung für AI Pacino, und bekam bessere Kritiken als dieser. Ist es also Sentimentalität, die Spacey National Anthems" auswählen ließ? Oder ist dieses Werk des 1990 gestorbenen Dramatikers Mclntyre so relevant, dass man es jetzt endlich auch einmal in Europa aufführen muss? Der erste Entwurf entstand immerhin schon 1969. Mclntyre schrieb das Stück danach mehrmals um, nahm Personen heraus, passte die Referenzen der jeweiligen Zeit an. Doch der Kern der Geschichte blieb derselbe: Ein Feuerwehrmann, ein eher simples Gemüt mit bescheidenem Einkommen, trifft unvermittelt auf zwei typische Vertreter der oberen Mittelschicht. Alles dreht sich um die Hierarchie des Geldes in einer vermeintlich klassenlosen Gesellschaft und um den Wunsch, dazuzugehören.
David Grindleys Londoner Produktion ist durchaus kein Star-Vehikel für den Theaterleiter. Mary Stuart Masterson ist als putzsüchtige, Schnittchen servierende Hausfrau Leslie ebenso überzeugend wie Steven Weber als markenbewusster, vom Konkurrenzdenken geformter Augenarzt Arthur. Und doch bildet Kevin Spacey das Zentrum des Abends. Berühmt geworden ist er in Filmen wie “Die üblichen Verdächtigen" und Sieben" mit der Darstellung undurchschaubarer Typen und enigmatischer Bösewichter. Ben Cook ist das absolute Gegenteil dieser Verbal Kints und John Does.
Er ist gutmütig, täppisch und will die Reeds beeindrucken. So plaudert Ben indiskret über Nachbarn, verschüttet Wodka auf dem 8000-Dollar-Teppich und versucht, sich mit Partyspielen und Zaubertricks beliebt zu machen. Glänzend gelingt es Spacey, das Verlangen nach Anerkennung durch das Parlando seiner Figur hindurchscheinen zu lassen. Ben will smart sein und wirkt bemüht, will auf Augenhöhe mit den Reeds sprechen und scheitert doch an Arthurs Alpha-Männchen-Verhalten.
Eine solche Konstellation könnte schnell ermüdend wirken, wären die Rollen von Anfang bis Ende klar verteilt - hier die Yuppies, dort der Underdog. So simpel hat Mclntyre den Mikrokosmos seiner Sozialstudie aber nicht gestrickt. Immerhin ist Ben Feuerwehrmann, gerade erst habe er eine Frau aus einem brennenden Haus gerettet, erzählt er. Den Zeitungsausschnitt, in dem ber seine Heldentat berichtet wird, trägt er in der Jacke mit sich herum. Mit dieser Geschichte kann er endlich beeindrucken, er, der Mann der Tat. Obwohl der Rückzug bereits angeordnet gewesen sei, sei er hineingestürmt und habe sie herausgeholt aus dem flammenden Inferno. Diese Art von Übertrumpfung kann Arthur nicht hinnehmen. Nach langem verbalem Hahnenkampf fordert er Ben zu einem Footballmatch im Wohnzimmer heraus.
Mary Stuart Masterson und Steven Weber haben hier ihre stärkste Szene: Er verwandelt sich zurck in einen prahlerischen College-Quarterback, sie wird wieder zu jener kichernden Cheerleaderin, die er vor zehn Jahren geheiratet hat. Erst als es Ben tatschlich gelingt, Arthur zu schlagen, lässt der jede Zurückhaltung fahren und macht den Emporkömmling nieder: Du bist nicht wichtig, und niemand interessiert es, ob Du eine schwarze Frau aus einer brennenden Sozialwohnung gerettet hast."
Bens Zusammenbruch nach dieser Tirade ist grandios gespielt. Kevin Spacey legt eine solch verzweifelte Energie in sein Gestammel, in das Eingeständnis seines umfassenden Scheiterns, dass das Publikum spürbar erschüttert zurückbleibt. Die Leistung dieses außergewöhnlichen Schauspielers und das persnliche Drama seiner Figur machen National Anthems" zu einem nachhaltig beeindruckenden Theatererlebnis.
ALEXANDER MENDEN
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